Hans Johann Riehl wird am 26. Oktober 1902 als Hans Johann Nefele geboren. Als er 21 Jahre alt ist, adoptiert ihn sein Onkel Josef Riehl. Am 18. März 1924 zieht er nach Altötting. Mit seiner Frau Karolin Marie Spindler bekommt er zwei Töchter, Hildegard und Marianne, und zwei Söhne, Hans und Herbert. Herbert Riehl-Heyse wird in den 1970er Jahren leitender Redakteur und Kolumnist bei der Süddeutschen Zeitung. Hans Riehl ist Lagerhausverwalter in Altötting und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr. Am Morgen des 28. April 1945 ruft die „Freiheitsaktion Bayern“ zur Kapitulation auf, um weiteres Blutvergießen in den letzten Kriegstagen zu vermeiden. Die Besetzung des Senders Ismaning gelingt in der Nacht zum 28. April 1945. In den Morgenstunden rufen die Mitglieder der „Freiheitsaktion Bayern“ im Rundfunk zum Aufstand auf: „Achtung, Achtung! Sie hören den Sender der Freiheitsaktion Bayern (…) Beseitigt die Funktionäre der Nationalsozialistischen Partei. Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten.“ Der überzeugte Nationalsozialist, Kreisleiter Fritz Schwaegerl, hat am Tag vorher in einem Flugblatt die Verteidigung von Alt- und Neuötting angekündigt. Altöttinger Bürger widersetzen sich diesem Befehl. Unter ihnen befindet sich auch Landrat Dr. Josef Kehrer. Er hat direkte Verbindung zur „Freiheitsaktion Bayern“. Sofort lässt er führende Nationalsozialisten verhaften. Sie werden in einer Arrestzelle im Hof des Landratsamtes festgehalten. Der Bürgermeister von Alt- und Neuötting Karl Lex entgeht einer Verhaftung durch Selbstmord. Mittags erklärt Gauleiter Paul Giesler in München den Aufstand für niedergeschlagen. Die ersten Verschwörer werden dort gefangen genommen und später hingerichtet. In Altötting wird der Aufstand von gesinnungstreuen Nationalsozialisten um Oberstleutnant Karl Kaehne niedergeschlagen. Landrat Kehrer wird in seinem Dienstzimmer im Landratsamt vermutlich erschossen, die dort festgenommenen Nationalsozialisten befreit. Über die Verschwörer werden schwarze Listen angelegt, auf denen auch der Name von Hans Riehl steht. Er war am Vormittag auf dem Landratsamt und wurde dabei gesehen. Für jeden Verdächtigen, der entkommt, werden Verwandte als Geiseln genommen. Hans Riehl wird in seiner Wohnung verhaftet. Seine Frau rät Hans Riehl sich nicht zu verstecken, „da er sich nichts zu Schulden hat kommen lassen“, erinnert sich die Tochter Hildegard 2011. Mit vier weiteren angeblichen Verschwörern und sechs Geiseln wird Hans Riehl im Hof des Landratsamts in einer Reihe aufgestellt. Nach einem kurzen Verfahren werden fünf Altöttinger Bürger von SS-Angehörigen erschossen. Am 28. April 1945 wird Hans Riehl zusammen mit Gabriel Mayer, Dr. Sigismund Scheupl, Dr. Hans Geiselberger, Adalbert Vogl, Martin Seidel, Adam Wehnert, Josef Bruckmayer und Heinrich Haug auf dem Hof des Landratsamtes von einem SS-Kommando erschossen. Die „Freiheitsaktion Bayern“ scheitert und die anschließende Verfolgung durch NS-Anhänger kostet 57 Menschen in Penzberg, München, Burghausen, Altötting und anderen Orten Südbayerns das Leben. |
Die für die Hinrichtung Verantwortlichen werden nach dem Krieg vor Gericht gestellt. Karl Kaehne und seine Gefolgsleute werden allerdings 1948 vom Schwurgericht in Traunstein frei gesprochen. Die beiden SS-Offiziere Olaf Sigismund und Werner Hersmann, die das Mordkommando in Altötting anführten, werden wegen Totschlags zu acht bzw. fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Hersmann wird wegen anderer Verbrechen 1956 beim Ulmer Einsatzgruppenprozess zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. SS-Oberführer Dr. Hans Trummler, der das SS-Kommando mit Erschießungsvollmacht ausgestattet hatte, wird wegen weiterer Verbrechen 1947 im Zuchthaus Landsberg von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt und gehenkt. Ulrich Völklein, Enkel von Karl Kaehne, Journalist beim „Stern“ und Verfasser des Buches „Ein Tag im April. Die Bürgermorde von Altötting“ bemerkt dazu: „Die Täter von Altötting kamen kommod davon, tot waren ihre Opfer“. Sein Buch ist das unerwartete Ergebnis einer Spurensuche. Bei den Vorarbeiten zu einem Stern-Sonderheft aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages des Kriegsendes stößt er darauf, dass sein eigener Großvater in diese Vorgänge verstrickt war und dies auf „durchaus andere Weise, als er der Familienüberlieferung anvertraut hatte.“ ![]() Aufruf des Gauleiters Giesler, 28. April 1945 ![]() Gedenktafel der „Altöttinger Bürgermorde“ |
![]() Hans und Karolin Riehl, 1925 ![]() Familie Riehl um 1943 ![]() Mahnkapelle in Altötting „So wird das wohl gewesen sein – unsere kleine Stadt ist natürlich keine fromme Insel in der freiheitlichen Bundesrepublik. Wahr ist aber auch, dass die Stadt Altötting ihren Mitbürgern an jener Stelle eine Mahnkapelle errichtet hat, an der sie vor 40 Jahren ermordet worden sind; wahr ist, dass dort jedes Jahr ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten wird, dass man eben nicht von Amts wegen beschlossen hat, zu vergessen, was vor 40 Jahren bei uns möglich war. Es wäre schon viel, wenn man das von allen deutschen Städten behaupten könnte.“ |
Alois Klar wird am 28. Januar 1902 in Kirchheim geboren. Er wohnt in Wartenberg und betreibt dort eine Sattlerei. Aus erster Ehe mit Maria Klar stammen zwei Kinder. Nach dem Tod seiner Frau heiratet er wieder. Mit seiner zweiten Frau Elisabeth bekommt er zwei weitere Kinder. Der Sohn Alois Klar jun. übernimmt nach dem Tod des Vaters im Jahr 1953 die Sattlerei. Er ist mit Paula Klar verheiratet. Alois Klar wird im Amtsgerichtsgefängnis in Erding in „Schutzhaft“ genommen. Am 15. Februar 1934 wird er ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert. Dort hat er die Häftlingsnummer 5186. Nach fast fünf Monaten wird er am 2. Juli 1934 ins Gefängnis der Politischen Polizei überstellt. Von dort wird er am 5. Juli 1934 wieder ins Amts- gerichtsgefängnis nach Erding verlegt. Der Zeitpunkt seiner Entlassung ist unbekannt. Im Krieg gerät Alois Klar als Soldat in Gefangenschaft. Danach kehrt er nach Wartenberg zurück. Dort stirbt er im November 1953 mit 51 Jahren. Wahrscheinlich wird Alois Klar aus politischen Gründen inhaftiert. Die „Schutzhaft“ ist eines der schlagkräftigsten Instrumente des NS-Regimes zur Bekämpfung seiner Gegner. Erste Opfer von staatlicher Willkür sind vor allem Funktionäre der Arbeiterbewegung, weltanschauliche Gegner wie Zeugen Jehovas oder Minderheiten, die als „Asoziale“ ausgeschlossen werden. Der Begriff „asozial“ dient als Sammelbezeichnung für als „minderwertig“ eingestufte Menschen aus sozialen Unterschichten. Ende Juli 1933 befinden sich in Deutschland mehr als 26.000 Menschen in Gefängnissen und Konzentrationslagern in „Schutzhaft“. Im Falle einer Entlassung müssen sich die Häftlinge unter Androhung von Strafe schriftlich zum Schweigen verpflichten. |
Die langjährige Leiterin der Gedenkstätte Dachau Barbara Diestel: „Alle KZ-Häftlinge, gleich welcher Gruppe sie angehörten, waren Opfer des Unrechtsstaates, der die Rechtsnormen außer Kraft gesetzt hatte. Dies ist auch mehr als ein halbes Jahrhundert nach Errichtung der nationalsozialistischen Konzentrationslager noch keineswegs allgemein anerkannt.“ ![]() Schreiben der Politischen Polizei und des Bezirksamtes Erding bezüglich des Schutzhäftlings Alois Klar, 1934 |
![]() Maria und Alois Klar, um 1923 ![]() Zu- und Abgangsliste des Amtsgerichtsgefängnisses Erding, Juli 1934 ![]() Alois Klar, Sterbebild, 1953 |
Josef Huber wird am 19. Juli 1892 als erster Sohn von Josef und Maria Huber in Öxing geboren. Sein Vater ist Maurer. 1898 bis 1905 besucht Josef Huber die Werktagsschule in Grafing. Dann beginnt er eine Schreinerlehre in Öxing. Nach zwei Jahren wechselt er mehrmals die Lehrstellen. Seine Lehre bleibt ohne Abschluss. Der arbeitslose Jugendliche gerät immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und wird dafür verurteilt. Auf die Einweisung in eine geschlossene Erziehungsanstalt, das Piusheim Obermühle bei Glonn, folgt der Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Gabersee. Die verarmten Eltern können ihm nicht helfen. Wiederholte Anläufe, ein bürgerliches Leben zu führen, scheitern. Flucht und Wiedereinweisung in die Psychiatrie wiederholen sich. Unter Berufung auf die „Reichstagsbrandverordnung“ wird Josef Huber am 22. März 1933 verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, „gegen die neue, nationalsozialistische bayerische Regierung geschimpft und gehetzt, sowie den Gendarmeriebeamten beleidigt zu haben“. Im Amtsgerichtsgefängnis Ebersberg wird er kurzzeitig inhaftiert. Nach seiner Entlassung wird er am 5. Mai 1933 auf Verfügung des SA-Sonderkommissars im Bezirk Ebersberg erneut in „Schutzhaft“ genommen. Einen Tag später wird er ins Konzentrationslager Dachau gebracht. 1939 wird Josef Huber am 9. Mai im Konzentrationslager Mauthausen/Österreich mit der Häftlingsnummer 169 registriert. Am 12. Januar 1940 stirbt er dort angeblich an einem Herzschlag. |
Im Konzentrationslager Mauthausen, das im August 1938 als ein spezielles Männerkonzentrationslager zur Bekämpfung des politischen Gegners eingerichtet wird, müssen die Häftlinge in Granitsteinbrüchen für die von der SS gegründete Firma Deutsche Erd- und Steinwerke arbeiten. „Vernichtung durch Arbeit“, Misshandlungen, Bestrafungen, Krankheiten, Hunger und die tägliche Todesgefahr bestimmen das Leben der Häftlinge. In Mauthausen sind zwischen 1938 und 1945 über 200.000 Personen inhaftiert. Etwa die Hälfte wird ermordet. ![]() Schreiben der Geheimen Staatspolizei an das Landratsamt Ebersberg wegen der Übernahme der Beerdigungskosten für Josef Huber, 1940 |
![]() Maria Huber mit ihrem Sohn Josef ![]() Arztbericht über den verstorbenen Josef Huber, Konzentrationslager Mauthausen, 1940 |
Helena Kahl wird am 26. Januar 1925 in Feldkirchen als Tochter von Johann und Gertraud Kahl geboren. Helenas Großmutter mütterlicherseits ist die jüdische Schriftstellerin Regina Ullmann. Wegen ihrer jüdischen Großmutter darf Helena Kahl nicht aufs Gymnasium und später auch keine Gärtnerprüfung ablegen. Helena Kahl arbeitet nach Beendigung ihrer Lehre in der Gärtnerei der Eltern in Feldkirchen bei München. Als sie gerade in einem Garten in der Nähe von Bahngleisen arbeitet, hält ein Zug auf freier Strecke mit Tausenden von KZ-Häftlingen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um den Todestransport der Häftlinge des KZ-Außenlagers Mühldorf, die auf Befehl Heinrich Himmlers kurz vor Kriegsende Richtung Süden getrieben werden. Immer wieder gelingt es KZ-Häftlingen zu fliehen. So auch in Feldkirchen. Helena Kahl beobachtet, wie zwei junge Männer unbemerkt aus dem Zug flüchten. Sie läuft ihnen entgegen und nimmt sie mit zu ihren Eltern nach Hause. Beide Häftlinge sprechen nur schlecht Deutsch. Ihre Mutter Gertraud Kahl ist sofort bereit zu helfen. Sie verbrennt die Häftlingskleidung, gibt ihnen Kleider ihres Mannes und versorgt sie mit Nahrungsmitteln und Geld. Wenige Stunden später brechen die Häftlinge auf. |
Ihre Tochter Helena Kahl erinnert sich, dass sich die ehemaligen Häftlinge nach dem Ende des Krieges telefonisch bei ihrer Mutter bedankt haben. Wegen abfälliger Bemerkungen über das NS-Regime sei ihre Mutter sogar angezeigt worden. Nur das bevorstehende Kriegsende habe eine Verurteilung verhindert. In der Gärtnerei waren französische Zwangsarbeiter beschäftigt, die in die Familie aufgenommen wurden. Den Vorwurf, dass sie mit der Familie an einem Tisch essen, habe die Mutter bei einer Überprüfung durch die Polizei mit der Bemerkung zurück gewiesen: „Mia hamm nur oan Diisch“. |
![]() Familie Kahl, 1944 ![]() Helena Kahl, 2011 |
Max Metelitz wird am 13. November 1926 in Bialystok in Polen geboren. Im Sommer 1941 wird Bialystok, bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur, nach dem Beginn des Überfalls auf die UdSSR von deutschen Truppen besetzt. Schon am ersten Tag der Besatzung ermorden SS-Einsatzkommandos Tausende jüdische Einwohner. Am 1. August 1941 wird in Bialystok ein großes Ghetto eingerichtet. Juden zwischen 15 und 65 Jahren werden dort zur Zwangsarbeit in Fabriken und Betrieben deutscher Unternehmen gezwungen. Am 16. August beginnen die Deportationen in die Vernichtungslager Treblinka und Majdanek. Arbeitsfähige Juden werden in die SS-Arbeitslager und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. So auch der 17jährige Max Metelitz. Doch er überlebt Auschwitz und wird Ende Januar 1945 mit einem Häftlingstransport in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Dort erhält er die Häftlingsnummer 139030. Am 21. Februar 1945 wird er zur Zwangsarbeit in das KZ-Außenlager Mühldorf gebracht. Etwa die Hälfte der 10.000 Zwangsarbeiter, die dort für den Bau einer Rüstungsfabrik eingesetzt werden, kommt ums Leben. Am 27. April 1945 hält der Todeszug der KZ-Häftlinge aus Mühldorf in Grub, einem Ortsteil von Poing. Als die Waggontüren vorübergehend geöffnet werden, verlässt Max Metelitz mit anderen Häftlingen den Waggon. Er versteckt sich vor den Suchtrupps der SS in der nahe gelegenen Tierversuchsanstalt Grub. Der Oberverwalter Hermann Schreibauer versorgt dort Max Metelitz und die anderen KZ-Häftlinge mit Nahrungsmitteln. Albert Riedl lebt als Jugendlicher zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in der Nähe des Verstecks. Er erinnert sich, dass Maria Schröttinger aus Grub Max Metelitz statt seiner bisherigen Häftlingskleidung eine zivile „neue Jacke“ gegeben habe. |
Am 29. April wird Max Metelitz in Grub von amerikanischen Truppen befreit. Er ist einer der wenigen überlebenden Juden von Bialystok. Hermann Schreibauer, geb. 1887, ist seit 1933 Mitglied des Gemeinderates Poing und der NSDAP. Im Entnazifizierungsverfahren würdigt Max Metelitz 1946 Hermann Schreibauers Hilfe. Auch die ehemaligen Zwangsarbeiter des Staatsguts Grub heben in einer schriftlichen Erklärung die „menschliche Behandlung“ durch den Oberverwalter hervor. Er wird als „Mitläufer“ eingestuft. Am 1. November 1946 kann er wieder seine Stelle antreten. Er stirbt jedoch am selben Tag. Nach Kriegsende lebt Max Metelitz in Grub und arbeitet in München, bis er nach einigen Jahren in die USA auswandert. Für im Konzentrationslager erlittenes Unrecht erhält er eine Entschädigung. Zuletzt lebt er in New York. ![]() Zeugenaussage von Max Metelitz im Entnazifizierungsverfahren von Hermann Schreibauer, 1945/46 |
![]() Albert Riedl, 2009 ![]() Aussage von Maria Stadlbaur im Entnazifizierungsverfahren von Hermann Schreibauer, 1945/46 |
Franziska Berger wird am 12. August 1895 als Tochter von Georg und Anna Nonnenmacher in München geboren. Ihr Vater ist Lokomotivführer. Nach ihrer Schulzeit in München, Schwabach und Deisenhofen schließt Franziska Berger eine Ausbildung zur Modistin ab und arbeitet anschließend sieben Jahre als Hutmacherin. Im Jahr 1918 heiratet sie den Oberinspektor Johann Berger. Sie bekommen vier Kinder. 1933 wohnt die Familie in Baldham. Der Sohn Fritz Berger erinnert sich 2011, seine Eltern seien nicht in die Partei eingetreten. Sie haben ihre Kinder nicht in die Hitlerjugend geschickt, und in ihrer Wohnung sei kein Portrait des Führers gehangen. Die Familie sei als „politisch unzuverlässig“ eingestuft gewesen und daher während der Kriegsjahre zwangsweise umquartiert worden. Franziska Berger arbeitet in der Hutmacherei Kohl in der Klenzestraße 15 in München. Dort äußert sie sich mehrfach kritisch gegen die NS-Regierung und den Krieg. Auch verweigert sie angeblich wiederholt den Hitlergruß mit der Bemerkung „Bei uns [in Bayern] wird mit „Grüß Gott“ gegrüßt“. Melchior Scherl, auch Angestellter in der Hutmacherei, zeigt Franziska Berger daraufhin an. Am 16. Juli 1943 wird Franziska Berger „wegen staatsabträglicher Äußerungen“ in ihrer Wohnung festgenommen und zur Zentrale der Gestapo nach München gebracht. Ihre beiden kleinen Kinder im Alter von vier und zehn Jahren kommen vorübergehend zu Nachbarn. Die älteste Tochter kümmert sich in der Folgezeit um die Geschwister. Franziska Berger wird vor dem Sondergericht München nach dem „Heimtückegesetz“ angeklagt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Verhandlung bestreitet sie die meisten der ihr zur Last gelegten Äußerungen. Im Frauengefängnis in Laufen wird Franziska Berger ab 25. August 1944 eine Haftunterbrechung genehmigt. Damit ist sie vorzeitig entlassen. Franziska Berger hat einen chronischen Herzfehler und leidet an den Folgen der Haft. Als Verfolgte des NS-Regimes wird sie als „entlastet“ eingestuft. Für 13 Monate Haft erhält Franziska Berger eine Entschädigung in Höhe von 1.950 DM abzüglich 1.869 DM Vorleistungen wie Krankenhauskosten oder Möbelbeihilfe. Franziska Berger stirbt im Alter von 88 Jahren am 17. September 1983. |
![]() Vorladung von Franziska Berger durch die Gestapo, 4. Juni 1943 ![]() Auszug aus der Anklageschrift von Franziska Berger, Sondergericht München, 1943 ![]() Antrag des Bauern Martin Glonner auf Strafunterbrechung für Franziska Berger, 1944 |
![]() Franziska Berger, 1940er Jahre ![]() Familie Berger, 1940er Jahre ![]() Franziska und Johann Berger, 1950er Jahre ![]() Anonyme Vorwürfe an Johann Berger, 1935 |
Maria Therese Stadlbaur wird am 18. Februar 1901 als Maria Therese Peri-Morosini in Safenwil, Aargau in der Schweiz geboren. 1923 heiratet sie den 17 Jahre älteren Major der Reichswehr Franz Falkner, der 1933 in die SS eintritt. Durch die Heirat verliert Maria Stadlbaur ihren schweizerischen Pass und wird deutsche Staatsangehörige. Das Ehepaar Falkner lebt in München. 1928 wird ihr Sohn Erich geboren, der später die Reichsführerschule der NSDAP in Feldafing besucht. 1943 lässt sich Maria Falkner scheiden und heiratet im April den Gerichtsassessor Dr. Ludwig Stadlbaur, mit dem sie bereits einen zweijährigen Sohn hat. Doch im August 1943 wird auch diese Ehe wieder geschieden. Maria Therese Stadlbaur wird wegen angeblicher „staatsabträglicher“ und „wehrkraftzersetzender“ Äußerungen am 22. Juni 1943 denunziert und angezeigt. Am 20. Dezember 1943 kommt sie im Gefängnis München-Stadelheim in Untersuchungshaft. Am 12. März 1945 wird sie nach §2 des „Heimtückegesetzes“ am Oberlandesgericht München zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, das sie jedoch bereits durch die Untersuchungshaft verbüßt habe. Die Denunzianten kennen Maria Stadlbaur nicht persönlich. Gerüchte allein reichen ihnen aus, um Anzeige gegen sie zu erstatten. |
![]() Aussage der Denunziantin Erna St. über Maria Stadlbaur, 1943 ![]() Auszug aus dem Verhörprotokoll von Maria Stadlbaur, 1943 ![]() Urteil über ein Jahr Haft für Maria Stadlbaur, 12. März 1945 |
![]() Oberlandesgericht München, 2012 |
„Vergessener Widerstand“ Resistenz, Verweigerung und Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Jahren 1933-1945 in Markt Schwaben und Umgebung Ausstellungsprojekt der Weiße Rose Stiftung e.V. und des Franz-Marc-Gymnasiums Markt Schwaben in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit Ziel des Projekts Das Projekt will vergessene und in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommene Formen von Verweigerung und alltäglichem Widerstand gegen den Nationalsozialismus bekannt machen und den Dialog zwischen den Generationen ermöglichen. Impressum Text: Schüler der 12. Jahrgangsstufe des Praxis-Seminars am Franz-Marc-Gymnasium Markt-Schwaben unter der Leitung von OStR Heinrich Mayer Beratung und Redaktion: Weiße Rose Stiftung e.V. Satz: AS-Texte, München Druck und Herstellung: OrtmannTe@m GmbH, Ainring Danksagung für Dokumente, Bilder, Gespräche, Informationen an die Zeitzeugen Fritz Berger, Antonie Drexler, Helena Kahl, Paula Klar, Hildegard Leonhardt, Albert Riedl, Elfriede Simon Bayerisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv München, Gemeindearchive Garching, Markt Schwaben, Poing, Wartenberg und Vaterstetten, Stadtarchive Altötting und Grafing, Archive der psychiatrischen Kliniken Gabersee und Haar Landesentschädigungsamt München KZ-Gedenkstätten Dachau, Mauthausen, Buchenwald und Auschwitz Dr. Veronika Diem, Dr. Bernhard Schäfer, Peter Rohmfeld, StD Matthias Konrad Ursula Kaufmann M.A., Weiße Rose Stiftung e.V. © 2012, Franz-Marc-Gymnasium Markt Schwaben |
![]() Nach eineinhalb Jahren intensiver Recherche in Archiven, Zeitungen und Internet, nach Interviews mit Herrn Lerch in Altötting und Frau Leonhardt, der Tochter von Hans Riehl in Nürnberg, fügten sich nach und nach alle Teile unseres Puzzels zusammen. Somit ergab sich ein Mehr an Informationen und wir werden den Namen nie wieder vergessen können: Nämlich Hans Riehl. Sarah Sommer und Michael Rüdiger ![]() Die Ergebnisse zeigten uns, dass Einzelschicksale einem die Zeit viel näher bringen. Man erfährt sozusagen aus erster Hand, wie es Menschen erging, die eine andere Meinung bzw. Sichtweise auf die Welt hat-ten als die Nationalsozialisten und erkennt, dass sich die Handlungsweise dieser Opfer nicht sonderlich von der eines modernen Menschen unterscheidet. Somit wird einem unter anderem klar, wie schwer es gewesen sein muss, in einem solchen Unrechtsregime mit einer eigenen Meinung zu leben. Sebastian Fuchs und Luca Elvini ![]() Da unser Fall in eine komplett andere Richtung als die anderen Fälle verlief, war es interessant daran zu arbeiten, auch wenn wir leider nicht allzu viele Quellen finden konnten. Es handelte sich hierbei um den Kleinkriminellen Josef Huber, der u.a. wegen seiner psychischen Erkrankung ermordet wurde. Neben den typischen Fällen des Widerstands, finde ich es gerade wichtig, dass man auch diesen Fall als Teil in der Ausstellung veröffentlicht, da er eine andere, fast unbekannte Seite der Grausamkeiten des NS-Regimes beleuchtet. Das Schicksal von Josef Huber zeigt den Umgang der Nationalsozialisten mit „Asozialen“, wie Menschen wie Huber bezeichnet wurden. Sebastian Sager und Richard Hermann ![]() Frau Kahl ist mit ihren 86 Jahren körperlich immer noch sehr fit. Was uns Schwierigkeiten bereitete, war, dass sie immer wieder vergaß, wer wir sind. So mussten wir ihr immer wieder von unserem Projekt erzählen, wenn wir sie besuchten. Man darf auch nicht vergessen, dass ihre Unterstützung der KZ-Häftlinge lange Zeit zurückliegt, und so fiel es ihr auch dementsprechend schwer, sich an Details zu erinnern. Trotzdem war die Zusammenarbeit mit einer Person, die zur damaligen Zeit lebte und auch etwas gegen das Regime unternommen hat, sehr interessant. Michelle Bopp und Iulia Moaca ![]() Heinrich Mayer |
![]() Der reguläre Geschichtsunterricht an der Schule ist gewöhnlich relativ trocken. Man lernt zwar viel über die Verbrechen des NS-Regimes, aber kaum etwas über das individuelle Leid der Verfolgten. Richtig hinein versetzen in das Schicksal der Betroffenen kann man sich daher nicht. Ganz anders war es dagegen in unserem Projekt: In der Zeitzeugenarbeit mit Holocaust-Überlebenden spürte ich dann, wie die damaligen Verbrechen die Leidtragenden zum Teil bis heute extrem psychisch belasten, wie ihre Lage sie in die Verzweiflung trieb, wie ihr Schicksal sie abstumpfen ließ. Ich bemerkte aber auch, dass manche dies aus meiner Sicht erstaunlich gut verarbeitet hatten. Zudem nahm ich ihren enormen Dank gegenüber ihren Rettern wahr. Diese waren, wie zum Beispiel beim „Todeszug“ in Poing, ganz normale Menschen, die – was mich erstaunte – auch dunkle Seiten hatten, sich aber dann im entscheidenden Moment für das Richtige entschieden, obwohl sie wegen ihrem Verhalten inhaftiert oder gar exekutiert werden konnten. Nicolas Ulzhöfer ![]() Bei der Recherche zum Fall Stadlbaur eröffnete sich für uns sehr schnell die erschreckende Willkür des Denunziantensystems während des NS-Regimes. Selbst Personen, die dem Nationalsozialismus neutral oder sogar positiv gegenüber standen, konnten nur auf Grund von Gerüchten angeklagt und vor Gericht gebracht werden. Besonders erschütternd war für uns im Fall Maria Therese Stadlbaur, dass vermutlich nicht einmal persönliche Streitereien Grund für die Anzeige waren, und die Denunzianten erhebliche Bestrafungen für ihre Opfer in Kauf nahmen. Außerdem waren die Straftatbestände nach dem sog. Heimtückegesetz derart formuliert, dass Gerichte willkürlich Verurteilungen aussprachen. Florian Ried und Matthias Mühlhauser ![]() Spannend war das Interview mit dem Sohn von Franziska Berger [Fritz Berger, Foto Mitte]. Ein Zeitzeuge, der aus seinem Leben berichtet und die Situation noch einmal ganz anders beschreiben kann, hilft, das gesamte Ausmaß der Zeit des Nationalsozialismus ein Stück besser zu verstehen. Dadurch erkennt man auch, wie viel Mut es erforderte, sich gegen die Masse zu stellen, auch wenn dies in der heutigen Zeit nur schwer nachzuvollziehen ist. Das allmähliche Annähern an eine historische Persönlichkeit, das Sammeln aller wichtigen Informationen bis zu einer fertigen Ausstellungstafel war besonders aufgrund der Lokalität der Ereignisse sehr spannend und aufschlussreich. Während des Rechercheprozesses fiel es uns immer wieder schwer, den wissenschaftlich korrekten Rahmen einzuhalten, da uns die kennengelernten Widerstandshandlungen stark beeindruckten und uns oft zu einer im Nachhinein vielleicht zu einseitigen Sichtweise der Geschehnisse bewegten. Felix Gnann und Julian Reichardt |